Befreiungsschläge, 29.12.2007, TA

Die Thüringer Kulturpolitik war eine der unkontrollierten Befreiungs-schläge. Dennoch, oder eben darum, ist die Bilanz nicht wirklich schlecht - für die Kultur.
ERFURT. Thüringen wird sich, mit aller Zurückhaltung gesprochen, in der Rückschau für den Brand der Anna Amalia Bibliothek zu bedanken haben. Und das nicht nur, weil das Feuer die Wahrnehmung dieses Altars der Geistesgeschichte hochgradig sensibilisierte. Die Wiedereröffnung erzeugte, auch durch die Teilnahme von Bundespräsident Horst Köhler, eine deutschlandweite Aufmerksamkeit nicht nur für die Bibliothek, vielmehr konzentrierte sie einen gesamtdeutschen Medienblick auf den kulturpolitischen Kampfplatz Weimar, auf dem und um den eine Bataille zu schlagen war. Diese mediale Eröffnung war die atmosphärische Introduktion für die 45 Millionen Euro, die der Bund für die Klassik Stiftung ausschüttete. Und die schließliche Erhebung des Nationaltheaters zum Staatstheater verdankt sich auch dem Umstand, dass dieses Haus auf dem geschichtlichen Grund dieser Stadt nicht zu beschädigen ist, ohne dass dies eine deutschlandweite Publizität erzeugt, an der Thüringer Politik nicht gelegen sein kann. Und das ist die eigentliche kulturpolitische Nachricht dieses Jahres, die einen kulturpolitischen Paradigmenwechsel gleichkommt. Das Land Thüringen akzeptiert, gegen die herrschende Kultur des kleinteiligen Denkens, die herausragende Bedeutung der Kulturstadt Weimar. Thüringen scheint bereit, der Stadt den ihr gebührenden privilegierten Status einzuräumen.

Allerdings, dies ist ein Prozess, der die Landesregierung mit dem Rücken an der Wand sah, hier wurde nicht souverän gestaltet, hier wurde zweimal, beim Staatstheater und beim Bauhaus, mit einem Befreiungsschlag reagiert. Unkontrolliert darf man diese Befreiungsschläge nennen, weil sie nicht aus gewonnener Einsicht resultierten, sondern aus der Not mangelnder Konzeption. Erst als, durch die Unmöglichkeit einer vollzogenen oder begonnenen Fusion mit Erfurt, die Situation auf einen Eklat hinlief, zog der Ministerpräsident die Notbremse und seufzte “Staatstheater”. Erst als die Unruhe im Land über den nonchalanten Umgang mit einem neuen Bauhausmuseum zunahm, da ließ Kultusminister Jens Goebel über diese Zeitung verbreiten, nicht 2019, sondern bereits 2013 solle das neue Museum stehen. Auch das war weniger Ausdruck einer Konzeption als eines Befreiungsschlages, die federführende Stiftung schien von diesem Positionswechsel innerhalb weniger Tage so überrascht wie das restliche Thüringen. Wie wenig die Landesregierung die überragende Bedeutung des Bauhauses erkannt hat, erhellt aus der Posse um die Landesausstellung 2009, die der Ministerpräsident keinesfalls dem Bauhaus widmen wollte: Nicht schon wieder dieses Weimar. Dieses provinzielle Denken muss aufhören - denn das hat es nicht wirklich. Bislang ist der Erfurter Perspektivwechsel auf Weimar ein erzwungener, es muss aber, nicht nur im Interesse Weimars, ein begriffener werden.

Die Bilanz der Theaterpolitik kann sich durchaus sehen lassen - denn die Thüringer Theater und ihre engagierten Träger haben dem konzeptionslos agierendem Land eine empfindliche Niederlage beigebracht. Die strukturellen Veränderungen, von denen die Rede war, also die Abschmelzung, die Vernichtung von Theaterkunst fiel weitgehend aus - nur in Eisenach nicht. Dort verbündete sich die Lokalpolitik mit der Landespolitik und zerschlug das selbstständige Theater Eisenach, das künftig eine Dependence der Meininger mit unklarer Perspektive ist.

Das allerdings gilt auch für alle anderen Bühnen außerhalb von Erfurt, Weimar, Meiningen und Gera/Altenburg. Fusionen sind nicht für alle Zeiten zu den Akten gelegt, auch nach 2012 kann aus den kleineren Häusern eine Landesbühne entstehen. Doch mindestens bis 2012 hat politisches und bürger-schaftliches Engagement die kleineren Häuser vor der kulturellen Entkernung bewahrt. Man wird das einen Erfolg der Kultur nennen dürfen - gegen die Kulturpolitik.

Von Henryk GOLDBERG

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