Weimar: Land des Lächelns, 12.1.2008, TA
Die Alphornbläser zur Introduktion des Festaktes zum 100-jährigen Bestehen des Theaters Weimar waren kein Albtraum, nur ein Schmunzeln. Es war, mag man sagen, der Tribut an Stephan Märki.
WEIMAR. Ein Festakt ist ein Festakt und kein Fest. Es gibt wohl eher wenig Leute, die Festakte wirklich interessant finden. Höchstens, dass man schaut, wer kommt ins Land des Lächelns und wer nicht. Der Ministerpräsident Dieter Althaus (CDU) zum Beispiel kam nicht, der hatte einen hochwichtigen Termin bei Ingenieuren und Architekten in Erfurt. Der Oberbürgermeister Stefan Wolf (SPD) war auch nicht da, der hatte Urlaub. Dafür sah man die neue Stadtkulturdirektorin Julia Miehe, die einmal die Orchesterdirektorin war.
Wenn man sich ein wenig Mühe gibt, kann man sich sogar in Weimar aus dem Wege gehen. Gar nicht aus dem Wege gehen kann man offenkundig Herrn Sachsen-Weimar. Und der uneinsichtige Beobachter fragt sich immer wieder irritiert, wieso ein Privatmann, der schließlich großzügig darauf verzichtete, Goethes Sarg und Goethes Blätter in seinen Keller zu verbringen, Teil des Protokolls ist und begrüßt wird vor gewählten Abgeordneten. Da hat das Gemälde, das im Foyer hängt und den wilhelminischen Putz des 11. Januar 1908 zeigt, womöglich noch nicht alle Prägekraft verloren.
Aber der Kultusminister Jens Goebel (CDU) hatte seinen Auftritt mit allem Recht. Es mag als eine feine Ironie gelten, dass der Minister so gezwungen war, seinen Geburtstag auf der Bühne ausgerechnet dieses Theaters zu begehen. Er sprach über dieses & jenes, über Kulturpolitik und beißende Hunde sprach er nicht. Es hätte dem Land Thüringen und seiner Regierung einen Hauch von Souveränität geschenkt, an diesem Tag und an diesem Ort von einem gescheiterten und schließlich korrigierten Plan für dieses Haus geredet zu haben. Selten waren ein Schweigen, wie das des Ministers, und eine Abwesenheit, wie die des Ministerpräsidenten, so beredt. Wovon die Abwesenheit des Oberbürgermeisters zeugt, das wissen wir nicht, nur, wovon sie nicht zeugt: von Stil.
Über Stil hingegen, und Wissen auch, verfügte Christian Hecht in seinem gelungenen Festvortrag über die Baugeschichte des Hauses, ein Vortrag, der Architektur als einen geistigen Entwurf, einen Ausdruck von Zeitgeist entwarf. Die Mutter des Redners, Gretl Hecht, war als Stadträtin und Bürgerin eine engagierte Kämpferin für dieses Haus und für sie, die zu früh verstarb, um diesen Tag erleben zu dürfen, wäre das in der Tat ein Fest gewesen, das Haus und der Sohn in seiner Mitte, und ihr hätte ein gütigeres Schicksal diesen Tag schenken sollen.
Ein Festakt im Theater - und ein kleines Lehrstück über Theater. Denn der Schauspieler Jürg Wisbach, der Pianist Dirk Sobe und der Sänger Alexander Günther erzählten die Geschichte des Librettisten Fritz Löhner-Beda, der als jüdischer Häftling in Buchenwald war (und später in Auschwitz ermordet wurde), während in diesem Theater das von ihm getextete “Land des Lächelns” gegeben wurde.
Und dann sang Alexander Günther das “Dein ist mein ganzes Herz”, und miteins ging der Operettenmulm tatsächlich tief ins Herz. Das ist mehr, als von einem Festakt erwartet werden darf: Das ist das, was von diesem Theater erwartet werden muss.
Von Henryk GOLDBERG