Doppelter Grund zum Feiern, 12.1.2008, TLZ
Weimar. (tlz) Wer hätte vor einem Jahr gedacht, wie entspannt man nun beisammen sitzen kann, um den 100. Jahrestag des Weimarer Theaterhauses zu feiern: Landesminister und Kulturbürger, die Kunst und die Politik. Damals ging es heiß her. Auf dem Spiel stand, wie schon 2001, die Eigenständigkeit des Deutschen Nationaltheaters.
Schwierige Zeiten gibt es immer wieder. Mal stand das Theater inhaltlich unter der Fuchtel der Machthabenden, ganz oft begann die Bausubstanz zu bröckeln. All das ist gestern am Rande rekapituliert worden. Dabei kam es Alt-OB Volkhardt Germer als 2. Vorsitzenden des Freundeskreises Deutsches Nationaltheater und Staatskapelle Weimar zu, an die jüngsten Wellen zu erinnern, die über dem Haus zusammenschlugen und sich nun geglättet haben.
Genau hundert Jahre nach der Eröffnung des neuen, von den Münchener Architekten Jakob Heilmann und Max Littmann erbauten Hauses, gibt es doppelten Grund zu Feiern, denn neben dem Jubiläum startet das DNT nun als Thüringer Staatstheater in sein nächstes Jahrhundert.
Dass es Menschen gab, die wie Löwen für ihr Weimarer Theater gekämpft haben, auch daran erinnerte Volkhardt Germer und zählte ihre Namen auf: Reinhard Bokemeyer, Hartmut Sieckmann, Christian Lohmann, die TLZ, insbesondere Chefredakteur Hans Hoffmeister, Renate Böttcher, Peter Mittmann …
Dem Weimarer Architekten und seine Ehefrau Charlotte Mittmann galt gestern der Dank gleich mehrerer Redner. Mit ihrer Initiative zum Erhalt der Thüringer Kultur haben die Mittmanns wesentlich die landesweite Bekenntniswoge zum Erhalt des Deutschen Nationaltheaters angefacht. Und als gestern Bariton Alexander Günther zu dem Evergreen “Dein ist mein ganzes Herz” aus dem “Land des Lächelns” anhob, langte Peter Mittmann nach der Hand seiner Frau und drückte sie fest.
Franz Lehars Operette und ihre Aufführungen am Weimarer Nationaltheater eigenen sich in besonderem Maße, das Nebeneinander von Geist und Ungeist in dieser Stadt zu beschreiben. Nach seine Uraufführung Ende der Zwanzigerjahre in Wien blieb das “Land des Lächelns” in den Jahren danach ein Dauerbrenner an deutschen Bühnen, auch in Weimar. Während also unten in der Stadt Franz Lehar gegeben wurde, deportierten die Nazis dessen Librettisten, den jüdischen Dichter Fritz Löhner-Beda (Friedrich Löwy), mit dem ersten sogenannten Prominenten-Transport nach Buchenwald.
Vom Land des Lächelns ins KZ
An dieses Detail aus der Weimarer Dialektik erinnerte Jürg Wisbach. Fritz Löhner-Beda war es, der zusammen mit dem ebenfalls verschleppten Komponisten Hermann Leopoldi seinen Mithäftlingen auf dem Ettersberg das befohlene “Buchenwaldlied” schrieb: “Oh, Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen…”
Wer gestern auf dem Festakt vermisst wurde, war eine andere lang gediente DNT-Ethusiastin: Gretel Hecht, die nie eine Mühe und erst recht keine Offenheit scheute, um vehement für ihr Theater aufzutreten, hat die jüngste Gefahrensituation nicht mehr miterleben müssen. Mit ihr starb im Juni 2006 eine Frau, die die Klassiker auswendig kannte und die Moderne zugleich als Bereicherung empfand. Eine ganz und gar gewöhnliche Geisteshaltung war das nicht. Der DNT-Intendant hatte Gretel Hecht sogar für seine Werther-Inszenierung auf die Bühne geholt. So bedauerte Stephan Märki, dass es Gretel Hecht nicht gegeben war, heuer diesen doppelten Festakt mitzuerleben. “Ich glaube, es wäre einer der schönsten Tage ihres Lebens gewesen.”
Wie der Intendant über die geistige Anwesenheit der verstorbenen Theaterbegeisterten nachdachte, so war ein Teil Gretel Hechts doch persönlich anwesend: Ihren Sohn Christian Hecht, Privatdozent an der Universität Erlangen-Nürnberg und exzellenter Kenner der Weimarer Kunstgeschichte, hatte das Theater eingeladen, den Festvortrag zu halten. Er rekonstruierte die Debatten um den Neubau des Theaters, die Weimar um die Jahrhundertwende aufgewühlt hatten und warum Henry van de Velde mit seinem Entwurf eines “Mustertheaters” den Kürzeren zog hinter dem solideren, aber unauffälligeren Entwurf aus München.
Titel, Kultur, Kultur-Extra Die vollständige Rede Volkhardt Germers und den Festvortrag von Christian Hecht dokumentiert die TLZ im Internet unter http://www.tlz.de/weimar
Von Sabine Brandt