Erfurt kann auch allein. Nämlich Oper spielen. Das betont Andreas Bausewein, der es ja wissen muss, weil er der oberste Kulturbürgermeister der Landeshauptstadt ist. Vor allem weiß er, dass er nicht gebissen werden will. Beileibe nicht von jenen kulturalministrösen Raubviechern, welche der oberste Thüringer Waldmeister von der Leine lässt, falls wer bei ihm nicht schnell genug unterschreibt. Klar, da möchte kein Oper-Bürgermeister der Letzte sein. Der tapfere Bausewein stellt also dem Jägermeister ein Ultimatum bis 10. Februar: dass er´s allein machen dürfe, sofern die Weimaraner nicht mitheulen wollen. Denn die halten sich, wie man weiß, für eine Edelrasse. (Was nicht völlig von der Pfote zu weisen ist.)
Im Chor heulen die Schlosshunde
Rückblende: Hei, war das eine tolle Parforce-Jagd durch unser verholztes Kulturpflanzengehege, als der sch(l)ießwütige Waldmeister die ersten Delinquenten zur Unterschrift trieb. Damit sind diese sechs Ersten bereits gebissen. Nur wissen sie es noch nicht. Was auf der Strecke bleibt, weist sich nächstes Jahr erst, wenn sie ihre klapperdürren Kulturschafe zu scheren versuchen.
Dann möchte Altenburgs Oberkulturbürgermeister Wolf als guter Hirte noch tiefer als bis in die Unterwolle schneiden. Nicht nur auf Gehaltssteigerungen, sondern gleich auf Gehaltsteile sollen die ohnehin kärglich verköstigten Schäflein verzichten. Unversehens rutscht da das Messer so tief, dass ein ganzes Gehege - eine Sparte - geschlachtet wird.
In Gera und Altenburg mögen darüber im Chor die reußischen Schlosshunde heulen, doch weder rettet das irgendein Fell, noch werden die Kulturbürger sich dann noch erinnern, wer eigentlich die Schuld am Gemetzel trägt. (Der oberste Jägermeister macht ja sein Messer nicht blutig.) Ganz ähnlich wird´s zugehen in Nordhausen/Sondershausen, wo man dem waidwunden Hochkulturwild abermals ein Standbein amputiert, und in Jena, wo eine ganze Stadt sich vorzurechnen weigert, dass das dürre Subventionsstroh von Waldmeisters Gnaden für die philharmonische Herde nicht reicht. Ruhet sanft, dort am Saalestrand, während des Nachts ihr Kulturschafe zählet! Es werden, seid´s gewiss und gewärtig, zusehends weniger in eurer Koppel. Klüger ist dagegen Eisenachs Hirte: Der trägt lieber gleich die Häute seiner Lieben auf den Markt der Fusion. Weil er nicht anders kann - und weil so wenigstens klar wird, wer wirklich die Schuld daran trägt.
Doch zurück in die Zukunft und in die Landeshauptstadt: Dort hat man dem obersten Moloch bereits drei Sparten voller Kulturschäflein geopfert, und das sei, wie man lauthals erklärt, eine “Vorleistung”. Obwohl es nur dann die Anerkennung als “Leistung” verdiente, wenn man Kultur als ein Übel verstünde, von dem es sich zu befreien gälte. Trotzdem kann man ehrlich und guten Gewissens mit Weimaranern nicht fusionieren, weil man nichts aufzubieten hat, was diese nicht besser vermögen.
Hunde, die beißen, singen nicht
Daher hat Oberkulturbürgermeister Bausewein völlig Recht: Bloß schnell allein beim Waldmeister unterschreiben. Dann wird nicht er, sondern es werden die Weimaraner gebissen. (Indessen DNT-Intendant Stephan Märki noch meint, von einem Weimaraner würde er sich gern in die Fänge nehmen lassen. Dass dem armen Tier darüber bloß nicht der Kiefer bricht!) Schlussblende: Wir sind am Ende unserer Waldmeister-Vision. Durch das kleine Kulturstädtchen streunen ein paar Edelhunde - stolz, aber auf klapprigen Läufen. Die in Rudolstadt soll gefälligst der Werwolf holen. Und in Erfurt: Dort sehen wir nächtens einen einsamen Dackel auf dem Petersberg sitzen und hören ihn herzzerreißend den Mond besingen (weil er ihn für einen Theater-Scheinwerfer hält). Ja, wird dazu der Waldmeister beifällig nicken: Das ist Musik in unseren Ohren. Hunde, die singen, beißen ja nicht.
Von Wolfgang Hirsch