Offener Brief an den Ministerpräsidenten des Freistaates Thüringen Herrn Dieter Althaus Regierungsstraße 73 99084 Erfurt
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
unser Institut ist mit Thüringen über einen unserer Honorarprofessoren verbunden, der die Raumplanung vertritt und bereits mehrere Doktoranden der Bauhaus-Universität Weimar betreut hat, wobei ich selbst an der Promotionsprüfung mitgewirkt habe. Nun erfahre ich mit großem Befremden aus der Presse, dass das Land Thüringen die Zuschüsse für Theater und Orchester im Freistaat drastisch kürzen will, was rigorosen Spartenabbau in einigen Theatern und die Abwicklung eines der traditionsreichsten Orchester Deutschlands nach sich ziehen wird.
Auf der anderen Seite höre ich, dass von Seiten des Landes geplant ist, eine Offensive zu starten, um hoch qualifizierte Arbeitskräfte im Land zu halten. Der Landesregierung sollte klar sein, dass sich Kürzungen im Kulturbereich und der Versuch, hoch qualifizierte Arbeitskräfte zu halten, widersprechen. Hochqualifizierte Arbeitskräfte werden sich dort Stellen suchen, wo die Möglichkeit besteht, in der Freizeit ein anspruchsvolles Angebot wahrzunehmen. Genau diese Möglichkeit ist ab 2009 durch die Einschnitte im Kulturbereich in Teilen des Landes Thüringen reduziert. Sie sollten wissen, dass es neben den kostenrelevanten Standortfaktoren auch „weiche“ Industriestandortfaktoren gibt, zu denen das kulturelle Umfeld gehört. Es zeigt sich immer wieder, dass Einsparungen im kulturellen Bereich und die damit sinkende Attraktivität eines Arbeitsplatz- aber auch Wohnstandorts zur Abwanderung von Menschen führen.
Insbesondere in der jetzigen Zeit des immer dramatischer werdenden Mangels an Ingenieuren, Mathematikern und Physikern geht Thüringen den Weg, in großen Teilen des Landes den Trend zum Passivraum zu verstärken. Die Chancen werden damit immer geringer, dass Arbeitsplätze für Hochqualifizierte geschaffen werden. Diese Arbeitsplätze werden vermehrt in den bereits bestehenden Aktivräumen um Hamburg, Köln, Frankfurt/Main, Stuttgart und München entstehen. Gerade im Westen Thüringens wäre es notwendig, alles zu tun, um die Fernwirkung des Aktivraums Frankfurt zu verstärken. Dem Freistaat Thüringen kann nicht daran gelegen sein, nur Betriebe anzusiedeln, die lediglich eine verlängerte Werkbank von im Westen ansässigen Firmen darstellen. Darüber hinaus ist die Reduzierung des kulturellen Angebots ein verheerendes Signal für die Förderung des Tourismus im Lande. Um den daraus folgenden negativen Entwicklungen entgegen zu wirken, muss in der Regel ein Mehrfaches der durch die Reduzierung im Kulturbereich gewonnenen Einsparungen im Bereich der Wirtschaftsförderung ausgegeben werden. Ein Land wie Thüringen, dem bis 2020 in weiten Teilen des Landes, auch in dem zu den großen Wirtschaftszentren der Bundesrepublik nahe gelegenen Westen des Landes Abwanderungsraten prognostiziert werden (vgl. Berlin Institut (Hrsg.): Die Demographische Lage der Nation. Februar, 2006), kann sich aus meiner Sicht nicht leisten, die Abwanderungsproblematik durch kulturellen Kahlschlag zu verschärfen. Es muss im Gegenteil alles getan werden, um dieser Entwicklung zu begegnen.
Daher sollte die Landesregierung ihre Entscheidung noch einmal überdenken. Dringend nötig wäre eine präzise Stärken-Schwächen-Analyse der Teilräume Thüringens. Jeder auch noch so kleine Baustein, der zur Stärke beiträgt, ist dabei wichtig. Der kulturelle Faktor ist eine bedeutende Stärke des Landes. Hier ist nicht regional unausgewogener Kahlschlag sinnvoll, sondern Bündelung der Kräfte.
Mit freundlichen Grüßen
Prof. Dr. Ulrich Wieczorek