Süddeutsche, 2. 4. 08
Der nackte Finger der Macht
Thüringens Kultus-Staatssekretär rechnet mit Ingo Schulze ab
Anfang November vergangenen Jahres erhielt der Schriftsteller Ingo Schulze den Thüringer Literaturpreis. Vergeben wird diese Auszeichnung von der Literarischen Gesellschaft Thüringens. Bezahlt aber wird sie nicht vom Land Thüringen, wie man bei diesem Namen hätte erwarten können, sondern von der für dieses Land zuständigen Filiale des Energiekonzerns Eon. Ingo Schulze störte sich daran: “Schon dass ich hier stehe, an diesem Pult mit der Aufschrift E.ON Thüringer Energie AG und fotografiert werde, macht mich zu einer Art Werbeträger, aber immerhin einem, dessen Wert sich mit 6000 Euro bestimmen lässt. Das heißt, mich stört, dass ich über Eon nachdenken muss, wenn ich den Thüringer Literaturpreis annehmen will.” Im Publikum saß der Geschäftsführer der Filiale Thüringen und nahm die Schwierigkeiten des Schriftstellers mit großer Gelassenheit auf. Nicht gelassen aber war Walter Bauer-Wabnegg, Staatssekretär im Kultusministerium des Landes, dem Ingo Schulzes Dankesrede erkennbar peinlich war. Sofort nach dem Ende der Feier sprang er auf den Schriftsteller zu, und dann hörte er nicht mehr auf, ihm mit ausgestrecktem, drohendem Zeigefinger im Gesicht herumzufuchteln.
Die Auseinandersetzung war damit nicht abgeschlossen. Im Januar fand in Weimar eine Podiumsdiskussion statt, auf der alle Beteiligten - und einige neue Akteure - ihre jeweiligen Standpunkte wiederholten. Und in der jüngsten, gerade erschienenen Ausgabe der Zeitschrift Palmbaum (Heft 1, 2008), dem “Literarischen Journal aus Thüringen”, lässt sich lesen, wie empört der Staatssekretär noch immer ist, wenn er an Ingo Schulze und dessen ebenso moralischen wie politischen Zwiespalt denkt. Ingo Schulze, so Walter Bauer-Wabnegg, “sähe es ganz einfach lieber, wenn in der Wirtschaft verdientes Geld erst einmal als staatliches Steuergeld sozusagen veredelt würde, bevor es höheren Zwecken wie etwa künstlerischen Preisgeldern dienen dürfte, und noch lieber wüsste er den einen oder anderen Wirtschaftszweig gleich sowieso in staatlicher Hand.” Nun ist es gewiss ungewöhnlich, dass ein hoher politischer Beamter den Staat, dem er dient, für eine überflüssige Veredelungsanstalt von Gewinnen aus der Wirtschaft hält - was hat dieser Mann für einen Begriff vom Staat? Gravierender noch ist, welchen Vorwurf er dem Schriftsteller macht: Er bezichtigt ihn des Staatsfetischismus. Und furchtbar ist auch der Ton, in dem er diesen Vorwurf vorträgt: ironisch, süffisant, herablassend, so als habe er es nicht nur mit einem ungezogenen Menschen (dem galt das Gefuchtel mit dem Zeigefinger), sondern auch mit einem uneinsichtigen, ja dummen Menschen zu tun.
Vorteile eines Feindbilds
Ingo Schulze, schreibt der Staatssekretär, habe seinen Auftritt als Ermahnungsrede missbraucht. “Und plötzlich wird alles ganz einfach: die Bösen hier, die Guten dort.” Unangebracht sei der Hinweis des Schriftstellers gewesen, die jeweiligen Eigenheiten der staatlichen Kulturförderung fielen am Ende auf die Bürger zurück, die sich gerade diese und keine anderen Volksvertreter gewählt hätten - diese beschlössen schließlich die Gesetze zum Wohl des Gemeinwesens. “Damit gar nicht erst irgendwelche Zweifel an diesem Wohl aufkommen, ordnet Schulze die Welt gleich mit, gewissermaßen als unverhohlene Wahlempfehlung. Es wäre ja auch schlimm, wenn wir am Ende noch Debatten darüber führten, was diesem Gemeinwesen am besten nützt. Da warnen wir doch lieber mal rasch vor einer galoppierenden ,Refeudalisierung der Kultur” - der Historiker möge staunen - oder entdecken in der ,allgemeinen Privatisierung und damit Ökonomisierung aller Lebensbereiche” das Grundübel schlechthin. Das zieht neuerdings immer. Denn einer komplizierten Welt setzt man am besten umso einfachere Lösungen und vor allem ein klares Feindbild entgegen. Das bindet Ängste und erzeugt Gefolgschaft.”
So verwandelt sich die populistische Kritik am Populismus, die in der Regel dem politischen Rivalen gilt, in eine Abrechnung mit einem undankbaren Schriftsteller. Ingo Schulze hatte in seiner Dankesrede nicht nur von Ökonomisierung, sondern vor allem von den Schwierigkeiten gesprochen, die ihm ein Preis bereitet, der sich als staatliche Auszeichnung geriert, aber privat finanziert ist: “Ich fragte mich, warum das Land Thüringen in seinem Kulturhaushalt nicht monatlich 250 Euro beiseite legt, um dann alle zwei Jahre einen Literaturpreis zu vergeben. Wir machen ein Geschenk, wenn es andere bezahlen.” Er suchte, was einem Schriftsteller durchaus ansteht, nach der Bedeutung von Worten. Er wollte wissen, wer ihm gegenübersteht. Er verlangte Klarheit. Aber er bekommt sie nicht.
Der ausgestreckte, drohende Zeigefinger im Gesicht eines anderen ist eine obszöne Geste, eine Intimität, die man nicht erträgt und nicht ertragen muss. Mit gutem Grund heißt es, man zeige nicht mit dem nackten Finger auf angezogene Menschen. In diesem Fall hat diese Geste den Vorteil, wenigstens ehrlich zu sein. Die hämische Herablassung im Ton des Staatssekretärs ist schlimmer. Denn sie ist die Geste einer Macht, die sich nicht befragen lassen will. Wir machen das schon, bedeutet diese Geste, untereinander, im Einverständnis des gegenseitigen Vorteils. Der Mann hat seinen Beruf verfehlt. THOMAS STEINFELD